Hand-Arm-Vibration wird im Werkzeugvertrieb gerne als Komforteigenschaft behandelt. Arbeitsschutzrechtlich ist sie das nicht. Sie ist eine Expositionsgröße mit Grenzwerten, und sie ist zu dokumentieren.
Der rechtliche Rahmen
Grundlage ist die Richtlinie 2002/44/EG, in Österreich umgesetzt in der Verordnung über den Schutz der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer vor Gefährdung durch Lärm und Vibrationen. Für Hand-Arm-Vibration gelten zwei Schwellen, jeweils bezogen auf einen Achtstundentag:
- Auslösewert A(8) = 2,5 m/s². Ab hier sind Maßnahmen zu ergreifen, Beschäftigte zu unterweisen und arbeitsmedizinische Vorsorge anzubieten.
- Expositionsgrenzwert A(8) = 5,0 m/s². Dieser Wert darf nicht überschritten werden.
Der Maschinenhersteller deklariert einen Schwingungsemissionswert nach EN 62841. Dieser Wert wird unter definierten Bedingungen ermittelt und beschreibt die Maschine — nicht den konkreten Arbeitsplatz.
Die Rechnung, die den Unterschied macht
Entscheidend für A(8) ist nicht allein die Schwingungsstärke, sondern das Produkt aus Stärke und Einwirkungsdauer. Die Tagesexposition steigt dabei nicht linear mit der Zeit, sondern mit deren Wurzel.
Halbiert ein Bohrer die Zeit pro Bohrloch, sinkt die rechnerische Tagesbelastung um rund 30 Prozent — bei völlig unveränderter Maschine.
Damit wird Bohrleistung zu einem Arbeitsschutzargument. Für technische Beschaffer in Industrie und Bauunternehmen, die Vibrationsexposition erfassen und begrenzen müssen, ist das häufig überzeugender als jeder Stückpreisvergleich: Wer schneller durch ist, ist kürzer exponiert.
Was am Werkzeug die Vibration erhöht
- Stumpfe oder ausgebrochene Schneide. Der Bohrer schlägt, statt zu schneiden. Der Vorschub steigt, der Fortschritt sinkt, die Einwirkzeit verlängert sich doppelt.
- Unsymmetrisch sitzender Kopf. Jede Umdrehung erzeugt eine Unwucht, die als Rütteln in der Hand ankommt.
- Schlechter Bohrmehlaustrag. Staut sich das Mehl, klemmt das Werkzeug, und die Maschine ruckt. Nutquerschnitt und Steigung sind hier die Stellgrößen.
- Falsche Maschinenklasse. Lange Ausführungen und große Durchmesser an einem zu leichten Gerät erzeugen Unruhe, weil die Schlagenergie für den Querschnitt nicht reicht.
- Ausgeschlagene SDS-Aufnahme. Spiel im Futter überträgt sich unmittelbar; siehe Wärmebehandlung von Hammerbohrern.
Warum Mehrschneider im Vorteil sind
Mehr Schneiden im Eingriff bedeutet, dass die Schnittkraft auf mehrere Punkte verteilt wird. Der Lauf wird ruhiger, das Werkzeug zentriert beim Ansetzen besser und verkantet in Bewehrung seltener. Das ist der eigentliche Grund, warum Mehrschneider in anspruchsvollen Anwendungen bevorzugt werden — nicht allein der Bohrfortschritt.
Praktische Konsequenz für Sortiment und Beratung
Wer Werkzeuge an gewerbliche Anwender verkauft, sollte Vibration nicht dem Maschinenhersteller überlassen. Drei Punkte gehören in die Beratung:
- Der richtige Bohrer für die Maschinenklasse — dazu mehr in SDS-plus und SDS-max.
- Eine klare Aussortierregel für verschlissene Werkzeuge.
- Standzeit und Bohrfortschritt als Argument, nicht nur als Werbeaussage.
Wie sich diese Punkte in einem Eigenmarkenprogramm abbilden lassen, zeigt die Seite Private Label mit Shenli / Sunny Tools.